Das 16. DFPK – ein digitaler Erfolg

Die Jugend macht mobil. Sie geht auf die Straße, schreibt Petitionen gegen Uploadfilter und gründet Bewegungen wie Fridays-For-Future, um ihre politischen Forderungen deutlich zu machen. Vielen Politiker*innen scheint es jedoch sichtlich schwer zu fallen, die richtigen Antworten auf die Bedürfnisse und Interessen der Jugend zu finden. Aus diesem Konflikt heraus haben wir uns die Frage gestellt, wie die Politik ihre politischen Programme und Entscheidungen an die Jugend vermitteln kann, aber auch, ob sie deren Interessen wahrnimmt und angemessen berücksichtigt. Fast ein Jahr lang hat das Team des DFPK20 daran gearbeitet, diese und weitere Fragen auf der alljährlichen DFPK-Podiumsdiskussion zu klären. Geplant war ursprünglich eine Veranstaltung für März vor großem Publikum im Haus der Universität Düsseldorf und anschließendem Get-Together. Doch aufgrund der Covid-19 Pandemie musste das Team kurzfristig umplanen. Das DFPK jedoch erstmals seit seinem Bestehen ausfallen zu lassen, kam nicht in Frage. Das erste digitale Format für Podiumsdiskussion und anschließender Fachtagung wurde auf die Beine gestellt, und so konnte es etwa ein halbes Jahr später weitergehen.

Unter dem Titel „Aber wir sind doch bei Facebook! Kommuniziert die Politik an der Jugend vorbei?“ diskutierte Moderatorin Bettina Fruchtmann (bemoved Moderation) mit Gästen aus Politik, Journalismus und Wissenschaft am Abend des 03. Septembers vor einem digitalen Publikum live auf Youtube.

Auf dem Podium begrüßen durften wir:

V.l.n.r.: Alexander Vogt, Sophie von der Tann, Anton Klees, Dr. Anna Soßdorf und Moderatorin Bettina Fruchtmann. Es fehlt: Ruprecht Polenz

Wer ist diese „Jugend“?

Vor der eigentlichen Diskussion stand zunächst die gar nicht so einfach zu beantwortende Frage im Raum: Wer ist eigentlich diese besagte JUGEND? Dr. Soßdorf macht hier schnell klar: DIE JUGEND GIBT ES NICHT. Sie ist sehr facettenreich, in Studien umschließt sie beispielsweise 12 bis 25-Jährige. Die Jugend lässt sich jedoch nicht nur auf eine Altersgrenze runterbrechen, vielmehr hat sie unterschiedlichste Interessen und Hobbys: Sie ist sowohl online als auch offline aktiv, einige sind politisch interessierter, andere weniger. Das macht eine homogene Betrachtung dieser Gruppe schwierig. Das sieht auch MdL Alexander Vogt so. Bei der Jugendorganisation der SPD, den Jusos, sind beispielsweise Personen bis 35 Jahre vertreten. Da wird natürlich schnell klar, dass es gar nicht so einfach ist, die Interessen aller auf die gleiche Weise anzusprechen und alle über dieselben Kanäle zu erreichen.

Das erste Zwischenfazit des Abends: Bei der Zielgruppe „Jugend“ handelt es sich um eine sehr breite Lebensphase, die unterschiedlichste Vorstellungen über Altersstufen und Interessen umfasst, je nach dem, wen man fragt.

Wie wird kommuniziert?

Warum ist es gerade für Politiker*innen heute unerlässlich, auf Social Media aktiv zu sein? Wie funktioniert gelungene Kommunikation mit verschiedensten Gruppierungen und unterschiedlichen Interessen? Welche Schwierigkeiten und Probleme ergeben sich bei dieser Kommunikation? Welche Kommunikationsstrategien kommen beim Publikum an? Wie partizipieren Jugendliche am politischen Prozess und welche Rolle spielt die Institution Schule dabei? Diesen Fragen wurde sich im ersten Teil des Abends gewidmet.

Ruprecht Polenz, – live aus dem heimischen Arbeitszimmer zugeschaltet – ist mit 74 Jahren der Älteste in der Runde. Er ist seit ca. 1,5 Jahren auf Twitter aktiv, verbringt hier täglich zwischen 5 und 7 Stunden seiner Zeit und rät auch jedem aktiven Berufspolitiker, mindestens eine Stunde am Tag in Soziale Medien zu investieren. „Ich sehe meine Präsenz hier als Möglichkeit, für das demokratische System zu werben. Es geht nicht darum, andere gezielt von der eigenen Meinung zu überzeugen, sondern um die Auseinandersetzung mit einem Thema zu befördern. Im Vordergrund steht für mich das Gespräch, der konstruktive Austausch.“ Die sozialen Medien hingegen nur als Sprachrohr zu nutzen, indem man eine Pressemitteilung nach der anderen raushaue, sei der falsche Weg. „Es geht ums Zuhören statt lediglich Texten.“ Das sieht auch Alexander Vogt so. Für ihn gehöre Social Media einfach zu seinem Berufsalltag dazu. Schließlich wolle man eine inklusive Politik betreiben, da müsse man das Internet einfach in die eigene Arbeit miteinbeziehen, immerhin sei ein sehr großer Teil der Bevölkerung und damit der Wähler*innen hier aktiv. Darüber hinaus bleibe man Up-to-Date und könne auf einfache Weise nachvollziehen, welche Themen auf der Agenda der Bevölkerung stehen.

Damit eine Kommunikation jedoch als gelungen bezeichnet werden kann, ist nicht nur Zuhören und ein konstruktiver Austausch wichtig, man muss sich auch darüber bewusst sein, auf welcher Social Media Plattform man vertreten sein möchte, wen man darüber erreichen will und was das Ziel dieser Präsenz ist. „Ein Facebook-Account allein reicht heute nicht mehr, gerade die Jugend ist eher auf Kanälen wie Instagram und Tik Tok aktiv.“ Auf letzterem hat Vogt seit einem dreiviertel Jahr einen Account. Er nutzt diesen, um Politik in einem eher lockeren, manchmal auch lustigen Umgangston vereinfacht, aber klar, an ein jüngeres Publikum zu vermitteln. Auf einer Plattform wie Twitter, auf der hingegen viele Journalist*innen aktiv sind, herrscht dagegen ein anderer Ton vor. Die Kommunikation wird der Plattform und damit auch der Nutzergruppe angepasst.

Ein Begriff, der in der Diskussion immer wieder fällt, ist der der „Authentizität“. Hier sind sich alle einig: Man darf sich online nicht verstellen, man muss in dem, was man tut, glaubwürdig sein. „Die Kunst ist, dass es locker wirkt, nicht gestellt. Es wäre z.B. unglaubwürdig, wenn jemand wie Herr Polenz plötzlich im Jugendslang spricht. Man muss sich dem Format anpassen, um „realistisch“ rüberzukommen, man darf nicht steif und aufgesetzt wirken“, so Sophie von der Tann. Das Instagram Format der News-WG zeigt, wie das aussehen kann. Statt der jungen Community einen typischen Nachrichtensprecher vorzusetzen, hat man mit der WG eine nahbare Vermittlungsinstanz, mit der man sich identifizieren kann.

Ein Teil des DFPK-Teams war für die Organisation vor Ort

Doch was sagen eigentlich die Daten, was beim Publikum selbst gut ankommt? Als Mitbegründer von 10.000Flies weiß Anton Klees hier Bescheid. Sein Onlinedienst arbeitet als Aggregator und veröffentlicht täglich Ranglisten der deutschsprachigen Nachrichten-Beiträge, die die meisten Likes, Shares und Kommentare oder Verlinkungen auf Twitter bekommen haben. Was immer gut ankommt, ist laut Klees alles, was irgendwie polarisiert, aber auch Humor. „Und Katzen, das läuft natürlich auch immer“, ergänzt er mit einem Augenzwinkern.

Dass eine gelungene Kommunikation nicht einfach ist, wird während der Diskussion immer wieder deutlich. Da wäre das schon angesprochene Problem der verschiedenen Kanäle und die damit verbundene Frage, wo welche Zielgruppe am besten erreicht wird. Hinzu kommen jedoch die Menge des im Internet und auf den Plattformen zur Verfügung stehenden Informationsangebots sowie unterschiedliche Interessen. „Nur, weil Jugend und Politik beide im Internet und gegebenenfalls. auf der gleichen Plattform aktiv sind, heißt das noch lange nicht, dass sie sich hier begegnen. Es gibt genug Angebote, außerdem folgt die Nutzung interessenbezogen“, erläutert Dr. Soßdorf. Das vielfältige Angebot im Internet kann überfordernd wirken, hinzukommen Gefahren der Desinformation und Relevanzsetzung. Hier liege es in der Verantwortung von Schulen, Jugendliche hinsichtlich Informationsmanagement und Medienkompetenz besser auszubilden, damit diese politisch partizipieren können. Zum Partizipationsverhalten von Jugendlichen ergänzt Soßdorf, dass diese nicht automatisch vermehrt online aktiv sind. Ihre These ist vielmehr, dass die Jugend vor allem (offline) auf der lokalen Ebene tätig ist, der Weg über die sozialen Medien könne lediglich als Ergänzung zu bereits bestehenden Partizipationsformen gesehen werden. „Eine reine Online-Aktivität wäre ohne die physische Präsenz auf der Straße, wie man es z.B. bei Friday’s For Future gesehen hat, nicht so erfolgreich gewesen.“ Außerdem haben bereits verschiedene Studien gezeigt, dass sich online sowieso nur diejenigen beteiligen, die es auch offline tun würden. Politisch wenig interessierte Jugendliche würde man auch über einen Social Media Account nur schwer erreichen.

Was wird kommuniziert?

Im zweiten Teil der Diskussion wurde sich verstärkt dem Inhalt der Kommunikation zugewandt und damit der Frage, ob sich unterschiedliche Generationen überhaupt verständigen können und ihre unterschiedlichen Interessen auf einen Nenner kommen können. Laut Dr. Soßdorf befinde man sich hier in einem bekannten Dilemma. In der Sozialisationsforschung sei es völlig normal, dass Jugendliche andere Vorstellungen und Interessen haben als ihre Elterngeneration. Von der Tann ergänzt hierzu, dass es nicht nur Themenkonflikte zwischen verschiedenen Generationen gäbe, sondern auch innerhalb einer Generation, beispielsweise zwischen Städtern und Leuten vom Land, die ihrer jeweiligen Lebenswirklichkeit geschuldet unterschiedliche Themenrelevanzen besitzen.

Doch wie kann man nun dafür sorgen, dass sich Jugendliche von der älteren Generation, und damit auch von der Politik – schließlich sucht man junge Menschen in den Parlamenten z.T. vergebens – in ihren Interessen repräsentiert fühlen? Ist vielleicht die Verjüngung der Parlamente oder die Herabsenkung des Wahlalters eine Perspektive?

Eine Verjüngung der Parlamente erscheint den meisten Gästen der Podiumsdiskussion eher als eine schwer umzusetzende Lösung. Argumente sind hier u.a. struktureller Natur, da Berufspolitiker*innen auf Bundes- und Landesebene zunächst meist über langjährige Erfahrung auf Lokalebene verfügen müssen, was einen Direkteinstieg in jungen Jahren schwierig macht. Eine Senkung des Wahlalters halten hingegen alle auf dem Podium für einen geeigneten Weg für mehr Repräsentativität junger Interessen. Selbst Polenz, der während seiner aktiven Zeit im Bundestag noch gegen eine Herabsetzung des Wahlalters war, spricht sich heute offen dafür aus: „Wenn wir bereits Jugendliche unter 18 Jahren mit einbeziehen, z.B. ab 16, können wir so möglicherweise auch den generellen Altersschnitt der Wähler senken.“ „Die Forschung zur politischen Bildung zeigt, dass ein politisches Urteilsvermögen auch schon bei Jugendlichen unter 18 Jahren vorhanden ist“, erläutert Soßdorf. Sie sieht daher vor allem Schulen in der Verantwortung: „Ich sehe die Schule als den sinnvollsten Weg, um Jugendliche zu mündigen Partizipanden zu machen; und zwar, indem man Nähe zur Politik herstellt und die Politk in den Alltag der Schüler bringt.“

Die Teamleiter*innen 2020 v.l.n.r.: Hannah Vogt, Sarah-Michelle Nienhaus, Viviana Warnken und Damian Daszko

Fazit des Abends

Politik und Jugend müssen eine gemeinsame Sprache sprechen, sich auf den gleichen Kanälen begegnen und Erwartungen aneinander formulieren, aber auch dem Gegenüber zuhören, damit die eine Seite nicht an der anderen vorbeikommuniziert – so könnte das Fazit der Podiumsdiskussion lauten. Doch was in der Theorie so einfach klingt, ist in der Praxis nicht immer gleichermaßen leicht umzusetzen. Die Gründe dafür sind unter anderem die Vielzahl der zur Auswahl stehenden Kommunikationskanäle, die Komplexität des politischen und gesellschaftlichen Geschehens, eine fehlende Sprachbasis, das individuelle Nutzungsverhalten im Netz sowie der zum Teil fehlende Wille, sich auch mit konträren Meinungen auseinanderzusetzen.

Wer die Diskussion verpasst hat, hat erstmals Dank des Online-Formats die Möglichkeit, den kompletten Stream auf unserem Youtubekanal anzusehen.

Auch die Fachtagung fand diesmal online statt

Die Fachtagung – Das Herzstück des DFPK

Nach dem erfolgreichen Auftakt mit der Podiumsdiskussion am Donnerstagabend, folgte am Freitag und Samstag die Fachtagung für junge Nachwuchswissenschaftler*innen. Diese fand diesmal nicht wie geplant am Flughafen Düsseldorf, sondern digital über die Plattform GoToMeeting statt. In insgesamt elf vertonten Powerpoint-Präsentationen stellten die Referent*innen ihre Forschungsprojekte vor und präsentierten dabei eine Bandbreite an Themen aus der politischen Kommunikationsforschung. Die Nachwuchswissenschaftler*innen von den Universitäten aus Düsseldorf, Hildesheim, München, Frankfurt(Oder), Tübingen sowie der Ostfalia Hochschule (Wolfenbüttel) thematisierten u.a. das Vertrauen in die Politik und den Einfluss von Fake News, populistische und rechte Kommunikationsstrategien und Frames oder die Qualität von Online-Kommunikation. Das Feedback bekamen die Referent*innen im Anschluss live von erfahrenen Respondents aus ganz Deutschland. Fragen und Anmerkungen des Plenums regten außerdem zu neuen Blickwinkeln, Ergänzungen der Methodendesigns und Weiterverfolgung der Projekte an.

Das im Review-Verfahren als beste Arbeit ausgezeichnete Forschungsprojekt wurde von Franziska Jünger (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) eingereicht. Unter dem Titel „Diskurs statt Pöbelei“ untersuchte sie, ob die interaktive journalistische Moderation von Nutzerkommentaren die Qualität von Online-Diskussionen verbessert. Dazu nutzte sie ein Feldexperiment am Beispiel der Facebook-Seite von „hart aber fair“.

Am Ende der zwei Tagungstage waren sich alle Teilnehmenden einig, dass das diesjährige Onlineformat dem Erfolg des DFPKs und einem produktiven Austausch keinen Abbruch getan hat.

Zuletzt wollen wir uns im Namen des gesamten Teams bei allen Beteiligten und Sponsoren für das Gelingen dieses ungewöhnlichen 16. DFPKs bedanken. Unser besonderer Dank gilt dabei allen, die weiterhin an das DFPK geglaubt und uns unterstützt haben sowie für die technische Umsetzung durch Kreativfilm GmbH.

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Fotogalerie

Das 16. DFPK – ein digitaler Erfolg

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